Friday, 18 April 2008

Straßenkind


Es weht ein stürmischer Wind, schwere Regentropfen prasseln ins Feuer. Die Kamele sind diesmal ganz nahe der Campküche an ihre Nachtbäume angebunden. Ihnen gefällt der Regen nicht, sie stehen oder liegen mit dem Hintern im Wind und produzieren Laute, die ich vorher noch nicht von ihnen gehört habe. Ihre Klage über das unangenehme Wetter gleicht einem grunzenden Jaulen. Alle Cobs sind beunruhigt - und ich auch. John kennt das: "Sie hassen es. Deshalb grunzen sie rum!" Nun sind wir erleichtert - denn wir Menschen wollen den Abend eigentlich auch nicht im Regen verbringen doch hat bisher keiner gewagt zu maulen und so mancher wird seine erste Regennacht unter freiem Himmel verbringen. Aber nun dürfen wir uns ein wenig bemitleiden: wenn schon die Kamele sich über das Wetter beschweren...
Ich habe gar keine Zeit, das kühle Nass wahrzunehmen, denn ich koche heute abend! Ein Gemüsepie mit Senfsauce soll es werden. Ich bin am rotieren, John hilft mir, mehr Kohlen heiss zu machen. Zurück zum Klapptisch, dort rolle ich den Teig aus. "Hey Andi, ich kann jetzt grad nicht mehr beim Kochen helfen, ich muss mit Joe nach dem Bullen gucken, der da aufgetaucht ist"-John macht sich davon.
Auch noch das! Hoffentlich können Joe und Barnesy ihn schnell verscheuchen. Am Nachmittag wurden wir von einer Herde wilder Kamelbullen gesichtet, lange waren sie uns zum Glück nicht gefolgt. Es waren aber mehr als zehn Stück, einige mit dem charakteristischen Schaum an den Lippen... es wäre äußerst unangenehm, wenn die jetzt hier auftauchen würden.
Ingrid hilft mir bei der weiteren Zubereitung des Abendessens.
Da sagt jemand, dass das gar kein großer Bulle ist, das wilde Kamel. Ich lasse meinen Kochlöffel fallen und will jetzt auch mal gucken gehen. Etwa 50 Meter entfernt, da steht es, es ist ein Teenager-Kamel! Ganz allein ist es in unser Camp gekommen.
Nach dem Abendessen möchte ich es mir genauer anschauen. Es ist schon dunkel. Das etwa zweijährige Kamelmädchen hat sich einen besonderen Platz zum übernachten ausgesucht: vorsichtig hat sie sich an allen anderen anderen Kamelen vorbeigestohlen, jetzt sitzt sie neben Chewy. Chewy ist die Grande Dame unseres Kamelteams. Im Schein der Taschenlampe erschliesst sich mir der Grund, weshalb das Mädel allein unterwegs ist: Ihr Rücken hinter dem Höcker ist ohne Fell und und die Haut ganz rot. Mir schiesst durch den Kopf: da haben sich so einige Bullen in Hitze an ihr vergangen... oje oje. In diesem Moment bekommt die Romantik hier draussen einen bitteren Beigeschmack.
Naja, also, wenigstens kann das junge Kamel hier eine ruhige Nacht im Camp verbringen. Was morgen passiert, wird sich zeigen. Obwohl mir das Kamel leid tut, ist es schön anzusehen, wie so plötzich neben Chewy eine kleine Ausgabe von ihr sitzt, als wäre sie plötzlich eine Big Mama geworden...



Der Wind liess nach und es regnete die ganze Nacht, aber nur leicht. Pünktlich zur Aufstehzeit hörte es auf. Das kleine Kamel war noch immer da. Dave und Joe liessen die Kamele los, und diese begannen zu futtern.
Alle von uns hatten, wie jeden morgen, eigentlich einer Beschäftigung nachzugehen. Doch jeder war fasziniert vom Anblick und vom Verhalten des wilden Kamels. Es war eine ganz besondere Begegnung. Das wilde Kamel wunderte sich, was seine Artgenossen so vor hatten, von denen die meisten sich schnellstmöglich einen Busch zum fressen suchten. Nur Morgan war sehr fasziniert von dem seltenen Besuch und umkreiste es komplett mit seiner großen Nase.
Das erstaunliche war, dass das Kamel keine Angst vor uns hatte. Es liess uns bis zu 3 Metern an sich heran und man konnte sehen, dass es unseren Geruch wahrnahm. Als es Zeit war die Kamele zu beladen, und sie in Richtung Camp geführt wurden, bewegte es sich mit uns einfach mit in die selbe Richtung. Ich hatte den Eindruck, dass sie es einfach mal mit dieser Herde probieren wolle. Keines unserer Kamele hat ihr irgendein Zeichen des Unerwünschtseins entgegengebracht. Wir alle dachten, dass unsere menschliche Erscheinung und doch absolut suspekt sein müsste. Aber neben ihren äußerst interessierten Blicken zeigte sie kein Misstrauen. Ganz dicht kam sie heran an unser Getümmel. Und schaute zu, wie ein Kamel nach dem anderen die Aufforderung gegeben wurde, sich hinzusetzen, die Sättel aufgelegt, die Riemen angebracht und die Ladungen aufgebracht wurden.
Joe hatte einen Plan. Unsere Sicherheit stand an erster Stelle und obwohl dieses weibliche Kamel eigentlich diejenige war, die Schutz brauchte, stellte sie eine Gefahr da. Ein wildes Kamel hat noch nie etwas von einer "Packstring" - Einer Kamelkarawane voll bepackt mit 100-300 kg pro Kamel  - gehört und gesehen. Falls es uns folgen würde, könnte es zwischen die Kamele, die mit Stricken verbunden nacheinander laufen , geraten. Dies wiederum oder auch nur die Anwesenheit des wilden Jungspunds könnte die Karawane in Panik versetzen. Eine wild gewordene Packstring ist unangenehm. Verletzungsgefahr für Tier und Mensch wäre groß.  


Deshalb würden wir sie bald verscheuchen. Aber das Kamel-Mädel ist wohl ein schlauer Kopf. Nach 20 Minuten dreht es uns den Rücken zu und ohne sich noch einmal umzuschauen geht es davon. In Richtung Norden, wo wir gestern her kamen. Schnell hat sie durchblickt, dass das Leben mit diesen Kumpanen harte Arbeit bedeuten würde. Und ja es geht davon, mit absoluter Ruhe und gleichmässigen Schritt verschwimmt es mit der dem graugrünen Bewuchs dieses Teils der Simpson-Wüste bevor es den Horizont erreicht.
Wir brechen auf. Ich hänge dem kleinen Kamel in meinen Gedanken nach - es war nur etwas größer als diejenigen Jährlinge, mit denen ich auf der Kamelfarm gearbeitet habe. Gerne hätte ich sie "adopiert"...
"Wisst ihr was!?" sagt Ingrid da. "Das war doch genau wie ein Strassenkind, das an deiner Türschwelle auftaucht, und du gibst ihm einen großen Teller voll zum satt essen und natürlich kann es eine Nacht bei dir schlafen. Du siehst, was für ein schönes tapferes Kind es ist und machst dir ernsthafte Gedanken, ob du es eine Weile bei dir behalten kannst und ihm aus dem Schlamassel helfen kannst. Aber am nächsten morgen ist es schon verschwunden, zusammen mit dem Joghurt aus dem Kühlschrank." Ingrid hatte tatsächlich vorher schon einmal etwas ähnliches erlebt.
Südliche Simpson Wüste, Süd Australien, Juli 2007

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